Wir müssen uns unterhalten, Fräulein!

Lange her… zu lange her, dass ich mit mir in Zwiesprache gegangen bin. Blieb mir auch kaum Luft dazu. Das Ergebnis dieser Nachlässigkeit und der Belastung der letzten Monate ist deutlich spürbar: Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Daueranspannung, Gereiztheit, Selbsthass, Tränen. Das wirkt sich nicht nur auf mich, sondern auch auf mein Umfeld aus. Es wird Zeit, die Reißleine zu ziehen. Die ersten belastenden Aufgaben abgegeben, den Urlaub eingereicht, die Bereitschaft, mich wieder auf mich zu konzentrieren vorhanden. Und heute, an meinem freien Tag, an dem ich nichts wichtiges zu tun habe, sitze ich morgens um 6 Uhr mit Kaffee im Bett und überlege, wie ich meinem Chef die Geschehnisse während seines Urlaubes nahebringe. Jo, läuft super mit dem Abschalten bei mir. Schluss damit! So geht das nicht weiter! Her mit dem Notizbuch, wir müssen uns dringend unterhalten, Fräulein!

Was war los?

Die Gründe für meine aktuelle Erschöpfung muss ich nicht lange suchen, was mich jedoch erstaunt, sie sind greifbar! Das passiert mir selten, dass ich erkennen und nachvollziehen kann, wie sich mein „Absturz“ aufgebaut hat. Doch diesmal, kann ich es erklären, verstehen und sogar zu mir sagen „hey, da ist es doch klar, dass du nicht mehr kannst und dringend eine Auszeit brauchst“. Dieses Verstehen ist für mich enorm wichtig, denn ich kann mir dadurch mein Tief und die daraus resultierende dringende Auszeit zugestehen. Das klingt banal, doch für mich ist es eine große Sache. Es ist ein riesig großer Schritt! Bisher konnte ich nie verstehen, was mich an diesen Punkt, an dieses „ich kann nicht mehr“-Gefühl geführt hat und deswegen wollte ich es mir nie erlauben. Beschimpft habe ich mich, als Schwächling, und mich weiter angetrieben. Und jetzt? Jetzt bin ich gerade sehr stolz auf mich! Denn ich habe meine Situation erkannt, habe die Reißleine gezogen, will mir die Auszeit gönnen und ich kann mir den Zustand der Erschöpfung zugestehen. Ich schimpfe nicht mit mir, sondern umsorge mich jetzt. An dieser Stelle bitte ich um Applaus, denn den habe ich mir jetzt wirklich verdient!

Gut, nun aber mal zur Analyse. Die letzten Monate waren nervenzehrend. Angefangen mit der Arbeit: Zu wenig Personal für einen unfassbaren Kundenansturm. Während ich versuchte einen Kunden zu beraten, sprangen auch schon drei weitere herbei, die entsprechend ungeduldig wurden, hinzu kam das ständig klingelnde Telefon und von all den Aufgaben, die während nicht abreißender Kundenansprachen liegen blieben, will ich gar nicht sprechen. Es blieb keine Zeit zum Luftholen und nach einigen Wochen merkte ich langsam, dass ich auch Zuhause nicht mehr abschalten konnte. Das war zu viel Stress. Ich rannte förmlich durch diese turbulenten Wochen, war nur noch gestresst, gereizt und ständig unter Strom, als mein Leben plötzlich gegen eine Wand krachte. Es war ein Wochenende Mitte Mai, als meine Katze schwer atmend neben mir lag und ich augenblicklich wusste, da stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Eine Woche später dann die Gewissheit: Schwerer Herzfehler, verdickte Herzwand, Wassereinlagerungen. Ich stand unter Schock. Ein Zustand, der sich wochenlang nicht ändern sollte. Ich rannte durch die Stunden auf der Arbeit, während ich die restliche Zeit Zuhause die Wand anstarrte bis der Wecker mich daran erinnerte, dass es wieder soweit war Medikamente zu geben. In der Zeit begann meine Schlaflosigkeit, die bis heute anhält. Jede Nacht stundenlang wach, bis der Wecker um 6 Uhr klingelt: Zeit für Medikamente. Fortan herrscht ein starrer Zeitplan. Alle acht Stunden müssen die Tabletten in das kleine Tier rein. Die erste Zeit klappte das gut, dann hatten wir zu kämpfen und das genau in der Zeit, als ein Lehrgang anstand und ich jemand anderen mit der Mittagsvergabe beauftragen musste. Meine Anspannung schraubte sich ins unermessliche hoch. Ich war panisch, verzweifelt und hatte einfach nur Todesangst um dieses kleine Fellknäuel, das mich nun seit über 12 Jahren begleitet. Besonders schlimm waren ihre schlechten Tage. Sie zog sich zurück und ich konnte nur dasitzen und Nichtstun. Also starrte ich weiter die Wand an. Drei Monate ist die Diagnose nun her, so langsam haben wir uns eingespielt und was noch viel wichtiger ist: Die Medikamente schlagen an. Auch wenn sie nicht mehr heilen können, doch sie ermöglichen es ihr einen nahezu beschwerdefreies Leben zu haben. Sie wird die Medikamente bis an ihr Lebensende nehmen müssen, das durch die Diagnose greifbar nah scheint. In diesem Moment jagt sie einer Fliege hinterher. Nein, ihre Lebensfreude hat sie nicht verloren und ihr letzter schlechter Tag liegt auch schon einige Wochen zurück. Leichtes Aufatmen, doch vergessen kann ich nicht, dass das Herz in ihrer Brust dieses Belastung eines Tages nicht mehr standhalten wird.
Als letztes Topic oben drauf kamen die letzten zwei Wochen. Wieder Stress auf der Arbeit. Mein Chef nicht da, versuche ich mit meinem Kollegen den Laden am Laufen zu halten. Was mich, weil ich ja immer alles perfekt machen will, schon genug in Anspannung versetzt. Leider geraten mein Kollege und ich seither ständig aneinander, was auch nicht gerade zur Entspannung beiträgt und mich letzten Endes in Tränen aufgelöst meine Abende verbringen ließ. Nein, so geht das nicht weiter! Jetzt ist wirklich Schluss! Ich mag mich selbst nicht mehr leiden, weil ich mich verhalte wie ich mich verhalte, ich komme nicht mehr zur Ruhe und habe völlig den Kontakt zu mir selbst und zur Quelle meiner inneren Ruhe verloren. Obwohl ich weiß, was mir im Alltag gut tut, fehlte die Kraft es umzusetzen. Doch genau diese Kraft, gilt es jetzt zurück zu holen.

Was stört?

Momentan gibt es haufenweise Punkte, die mich stören und von denen ich weiß, dass das auch anders geht. Ich weiß das deswegen, weil ich es im letzten Jahr anders erlebt habe, weil ich nach meinem Retreat eine innere Ruhe verspürt habe und seither recht genau weiß, welche Hebel in meinem Leben wie stehen müssen, damit diese Ruhe bleibt. Um die Hebel, die falsch stehen, zu lokalisieren, starte ich mit einem bewertungsfreien Brainstorming und frage mich, was mich stört. Der Übersicht halber, habe ich es hier bereits nach Themen geordnet:

  • Innere Faktoren
    • Unruhe
    • Anspannung
    • Ungeduld
    • nicht abschalten können
    • Druck
  • Alltag
    • fehlende Bewegung
    • nachlässige Ernährung
    • nachlässige Freizeitplanung
    • Arbeit und Kollegen sind zu sehr im Lebensmittelpunkt
    • gestörter Schlafrhythmus
  • Soziale Faktoren
    • Vernachlässigung privater Kontakte
    • unachtsamer Umgang mit andern und mit mir selbst
      • Gehässigkeit, Missgunst, Manipulation, Spielchen, Lästereien, Abwertung
      • Anerkennung suchend, Fehler nicht zeigen wollen

Was will ich?

Inzwischen lässt sich diese Frage für mich sehr leicht beantworten, denn genau das habe ich in meinem Retreat im vergangenen Jahr erarbeitet. Sofort fallen mir Schlagworte ein und ich erkenne auch direkt die Verbindung zu meiner obigen Listen:

  • Innere Faktoren
    • Ruhe
    • Genuss
    • Innere Ruhe
  • Alltag
    • Langsamkeit
    • Natur
    • Achtsamkeit
    • Bewegung
    • Gemütlichkeit
    • Zeit
    • gesunde Ernährung
    • Meditation
  • Soziale Faktoren
    • Liebe
    • Freundlichkeit
    • Gemeinschaft
    • Helfen
    • Ehrlichkeit

Wenn ich mir meine beiden Listen so ansehe, klingen sie wie von zwei verschiedenen Menschen. Ein dissoziatives Gefühl steigt in mir auf, dass mich schon seit einer gefühlten Ewigkeit begleitet. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Ich sehe alte Muster eines Menschen, der ich längst nicht mehr bin. Eines Mädchens, das verloren in der Welt umherschweift, das nach Nähe sucht und gleichzeitig Distanz schafft. Ein unruhiger, verängstigter Geist. Ich kenne dieses kleine Mädchen nur zu gut. Es versteckt sich in den Schatten meiner Seele. Wir leben schon lange zusammen in diesem Leben. Was sich jedoch in den letzten Jahren verändert hat, ist unser Verhältnis zueinander. Während es früher gewütet und getobt hat, genießt es heute die Zurückgezogenheit in den Schatten. Sie muss nicht mehr kämpfen, sie muss nicht mehr suchen nach dem, wonach sie sich sehnt, denn sie hat jetzt mich. Was früher Hass war, ist heute Liebe. Liebe, die dieses kleine Bündel braucht, Liebe, die ich ihr nun gebe. Und so wurde aus Selbsthass Selbstliebe. Meine inneren Kriege sind in kleine Streits abgeflacht. Ich kämpfe nicht mehr gegen mich, ich tröste und umsorge mich nun. So kann ich diese Listen ansehen und verstehen, dass einzig meine Nachlässigkeit mir gegenüber mich von meinem Ich entfernt hat. In Krisen greifen wir immer auf unsere Instinkte zurück, auf das, was wir als Kind an Strategien gelernt haben. Leider sind meine erlernten Strategien selbstzerstörerisch. Als ich ein Kind war, haben sie mir geholfen in meiner Welt zu überleben, doch heute schaden sie mir nur. Heute gelten sie als „krank“, als Teil einer psychischen Störung. Mag sein, doch für mich sind sie einfach ein Teil von mir. Ein Teil, den ich gelernt habe zu akzeptieren, statt ihn zu bekämpfen. Doch nun wird es Zeit, diesen Teil von mir wieder in seine Ruhezone zu begleiten und es ihm dort gemütlich zu machen.

Lösungswege

Ich bin wie so oft erstaunt, wie sehr mich allein das Beschäftigen mit meinen Problemen zur Ruhe kommen lässt. Indem ich mir in den letzten Tagen vergegenwärtigt habe, wo aktuell meine Störfaktoren liegen, konnte ich bereits wieder etwas durchatmen. Auch das ist eine Folge meines Retreats im vergangenen Jahr. Denn ich weiß seither, dass die Lösungen in mir stecken. Ein beruhigendes Wissen. Dennoch stehe ich noch ein wenig ratlos vor dem Berg an Störfaktoren und weiß nicht, welchen Hebel ich zuerst in Bewegung setzen soll und auch kann. Denn dadurch, dass irgendwie alles zusammenhängt, blockieren sich die Hebel gegenseitig und sobald ich an einem ziehen will, wird der Hebel von einem anderen wieder nieder gedrückt. Das ist doch zum Mäusemelken! Mein lösungsorientiertes Ich beginnt bereits panisch im Kreis zu laufen. Und ich? Ich lache einfach mal herzlich über meine eigene Verzweiflung. Es ist halt wie es ist, was soll ich schon machen? Manchmal, wenn nichts mehr hilft, dann bleiben wenigstens noch Humor und Akzeptanz.

In ein paar Tagen greift meine Reißleine: 11 Tage Urlaub. Anstatt in der Zeit vor mich hinzudümpeln oder auf die Idee zu kommen, to do´s abzuarbeiten, habe ich mir die Tage bereits vollgepackt: Freunde, Familie, wandern, Strand, Essen gehen, Yogakurs und andere Ausflüge. Jeden Tag etwas Schönes machen. Zudem habe ich anhand meiner Störfaktoren mir für jeden Tag ein Meditationsthema herausgearbeitet. Ich will so jeden Morgen in Ruhe angehen und mich mit einem Thema beschäftigen. Hier meine Meditationsliste:

  • Ich bin genug.
    • Ich bin gut so wie ich bin. Ich brauche keine Bestätigung von außen. Ich darf Fehler machen. Ich bin toll mit all meinen Stärken und meinen Schwächen.
  • Achtsamkeit
    • Rituale im Alltag und auf der Arbeit integrieren. Regelmäßige Zwiesprache mit mir.
  • Druck
    • Wie und wann entsteht Druck? Wege diesen abzubauen.
  • Wer will ich sein?
    • Wie will ich mich verhalten? Was ist mir wichtig? Wo liegen meine Prioritäten?
  • Freizeit
    • Was brauche ich in meiner Freizeit? Wie will ich diese gestalten? Was gibt mir einen Ausgleich und lässt mich Kraft schöpfen? Was raubt mir Kraft?
  • Innere Ruhe
    • Was hilft mir, meine innere Ruhe zu bewahren? Was stört meine innere Ruhe?
  • Liebe zu anderen
    • Liebe unterstellen. Liebe geben. In Liebe handeln.
  • Ähm….
    • Ja gut, es gibt da einen Menschen, da muss ich mir mal Gedanken über unsere Beziehung machen. Was will ich? Wo sind die Grenzen? Wie schütze ich mich? Was tut mir gut, ab wann tut es mir nicht mehr gut?
  • Abgrenzung
    • Was oder wer tut mir nicht gut? Von wem lasse ich mich zu sehr in eine falsche Richtung bewegen?
  • Ehrlichkeit
    • Achtsame Kommunikation. Direkte Ansprache was ich möchte, was ich mir Wünsche. Keine Spielchen.
  • Ziele
    • Was will ich im Leben? Wo soll es hingehen?
  • Arbeitseinstellung
    • Der Arbeit mit Liebe und Achtsamkeit nachgehen.

Fazit

Es gibt zu tun. Aber es ist auch höchste Zeit. Es werden 10 stressige Monate auf mich zukommen, daher ist es umso wichtiger, mich darauf vorzubereiten. Ich hoffe sehr, dass mir mein Kurz-Retreat-Urlaub helfen wird und dass ich mich selbst wieder mehr spüren werde. Ich werde berichten…

4 Gedanken zu “Wir müssen uns unterhalten, Fräulein!

    • Vielen Dank lieber Reiner!
      Es ist die Machtlosigkeit, mit der ich der Situation gegenüberstehe, die mich in die Knie zwingt. Was soll ich schon tun, außer da sein, wenn sie Nähe sucht. An den Tagen, an denen sie sich verkriecht, ist es für mich kaum auszuhalten. Denn dann weiß ich, dass es ihr nicht gut geht, doch ich kann nichts machen. Ein Glück, dass sie so ein Sonnenschein ist und an den allermeisten Tagen noch gute Laune versprüht. Mir graut es vor der Zeit, wenn es nicht mehr so ist. Doch dann wird sie mir damit sagen, dass es soweit ist…
      Liebe Grüße,
      Biene

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