Urlaubsmeditation Tag 3: Druck raus lassen

Der Druck und Ich. Wir sind zwei alte Freunde und haben uns schon oft gemeinsam nach vorne gekämpft. Er ist mein Antreiber, mein Motor und zu gleich… ist er einer meiner schlimmsten Feinde. Er zermürbt mich, lässt mich nicht zur Ruhe kommen und duldet keine Auszeit. Druck, entstehend aus meinem Streben nach Perfektionismus, heraufbeschworen aus meinem Glauben, ich hätte nur eine Daseinsexistenz, könnte nur geliebt werden, wenn ich perfekt wäre. Doch sie ist ein Trugbild, die Perfektion und wäre sie es nicht, könnte keiner sie leiden. Sie wäre das kleine blonde Mädchen in der ersten Reihe, jeden Tag perfekt angezogen, immer lächelnd, immer Liebling der Lehrer, immer gute Noten… alles perfekt… oder? Nein. Denn die Perfektion hat keine Freunde, hat keinen Spaß, sie hat nichts, außer sich selbst und den Druck. Nein, das bin nicht ich, das will ich auch gar nicht sein. Gut, das haben wir geklärt. Also zumindest ich habe das für mich geklärt… das Mädchen in mir drin glaubt aber immer noch, es müsste so werden wie das Mädchen in der ersten Reihe. Es weiß nicht, dass es dann nicht mehr auf Bäume klettern, lauthals lachen und sich schmutzig machen darf. Dabei liebt es das doch so sehr!

Bei mir entsteht Druck – wohl bemerkt der, den ich mir selbst mache – in allen Lebensbereichen. Ob auf der Arbeit oder in der Freizeit, beim Lernen, bei der Urlaubsplanung… ach es kann immer und überall dazu kommen. Das ist auch nicht immer unbedingt schlecht, denn wie bereits gesagt, ist mein Druck auch mein Antrieb. Ebenso die Perfektion, die mich z.B. im Erstellen von Plänen zu Höchstleistungen antreibt. Sehen wir uns nur meine penible Auseinandersetzung mit meiner momentanen Situation an. Ich bin ein pragmatischer und lösungsorientierter Mensch… weil ich mich selbst unter Druck setze und nach Perfektion strebe. Das sind Eigenschaften, die mich weiter bringen und die ich an mir schätze… bis zu einem gewissen Punkt. Erkenntnis!!!

Selbstdruck und das Streben nach Perfektion
sind nicht per se schlecht.
Es ist ihr Übermaß, das sich schädlich auf uns auswirkt.

Ich bin begeistert! Ich muss also gar keine Wege finden, um den Druck und das Perfektionsstreben loszuwerden, sondern lediglich Wege, diese im Zaum zu halten. Fantastisch! Und mir fällt zu dem Thema noch etwas Fantastisches ein: Als langjährig erfahrener Borderliner… ich muss selbst lachen, denn heute empfinde ich mich nicht mehr als eine Störung, aber belassen wir es der Belustigung nach bei dieser Beschreibung… kenne ich mich mit Druck nur allzu gut aus. Oft genug war es Thema in den Therapien und das Stichwort heißt „Skills Training“. Schnitt ich mir früher noch die Arme auf oder griff zu anderem selbstverletzendem Verhalten, wenn der innere Druck zu groß wurde, so lernte ich im Skills Training andere Methoden, um meinen inneren Druck abzulassen. Mein heiliger Gral wurden Chilischoten, die ich fortan überall mit hinnahm. Sie erlösten mich endlich von meinen Panikattacken! Denn immer wenn diese anfingen, entstehend aus einem Übermaß an Druck und einem Mangel an Flucht aus der Situation, steckte ich mir eine in den Mund und kaute darauf herum. Voila! In dem Moment konnte ich an nichts anderes mehr als an die Schärfe denken. Mein ganzer Körper konzentrierte sich darauf und der Druck ließ nach. Die Chilischoten waren meine Rettung bei höchster Anspannungsstufe. Für weniger heftige Stufen entwickelte ich andere Skills wie z.B. soziale Kontakte, bestimmte Lieder hören, Sport treiben, ein heißes wohlriechendes Bad etc. Je nach Stärke der Anspannung konnte ich so auf Skills zurückgreifen, die mir halfen die Anspannung abzubauen, ehe sie sich ins unermessliche steigerte. Wenn das früher funktioniert hat, warum dann auch nicht heute bei meinem Selbstdruck?

Wege aus dem Druck

Den Druck wahrnehmen
Noch ehe ich etwas gegen meinen Druck unternehmen kann, muss ich wissen, dass er da ist. Klar, bemerke ich die Anspannung und jammere darüber, aber ist mir deswegen bewusst, dass diese Anspannung aus dem Selbstdruck heraus entsteht? Es ist also wichtig, dass ich mir bewusst werde „Ah, da ist Druck!“ Wie oben bereits erwähnt, ist Druck für mich ein alter Freund. Ich kenne ihn gut und wenn ich mir das mal genau ansehe, dann kenne ich auch sehr gut seine Begleiter: Anspannung, hoher Puls, Ruhelosigkeit, Gereiztheit, Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Ungeduld. Treten mehrere dieser Begleiter gemeinsam auf, kann ich mir also sicher sein, Druck ist da. Es sind meist körperliche Begleiter, an denen ich seine Anwesenheit ausmachen kann. Ich will mir also zum Ziel setzen, nach diesen Begleitern Ausschau zu halten.

Den Druck begrüßen
Ist es mir nun bewusst geworden, dass Druck da ist, will ich ihn begrüßen, immerhin sind wir alte Freunde. Ich will mich hinsetzen und ihn zu einer Tasse Tee einladen oder vielleicht machen wir auch einen Spaziergang zusammen, wenn die Ruhelosigkeit ihn mal wieder begleitet. Ich möchte liebevoll mit ihm umgehen, anstatt ihn wegzuscheuchen, denn immerhin hat er seine guten Seiten, das habe ich inzwischen begriffen. Er ist ein Freund, der mir helfen will… er übertreibt es nur manchmal ein wenig.

Den Druck kennenlernen
Wenn ich den Druck also wahrgenommen und ihn freundlich begrüßt habe, stellt sich noch die Frage, woher er kommt. In welchem Lebensbereich baut er sich gerade auf? Aus welcher Situation heraus? Bei mir sind das momentan gleich mehrere Faktoren: Die Krankheit meiner Katze hat in mir ein Ohnmachtsgefühl ausgelöst, welches das Gefühl des Kontrollverlustes mit sich brachte. Kontrollverlust löst in mir seit jeher Panik aus. Der Druck entsteht aus dem Wahn, ich müsse die Situation wieder unter Kontrolle bringen. Auch auf der Arbeit habe ich gleich mehrere Punkte, in denen sich Druck breit macht: Ich will perfekt sein um zu gefallen, aber auch… ja auch eigentlich nur um perfekt zu sein. Ich will den Job perfekt machen, will bestmöglichst vorbereitet sein, will alles wissen, alles können, alles im Griff haben… Ich fühle mich schon gestresst, während ich das schreibe. Dann wäre da noch ein Punkt: Die Selbstoptimierung, derer Du hier Zeuge wirst. Ich bin meines Glückes Schmied, also bin ich selbst schuld, wenn ich nicht glücklich bin, also muss ich hart arbeiten, die Fehler im System suchen, um glücklich zu werden.
Na da habe ich doch schon drei Bereiche gefunden, in denen ich Druck auslöse. Drei Bereiche auf einmal… und ich wundere mich, warum ich überlastet bin.

Der Realitätscheck
Nachdem ich den Druck lokalisiert habe, will ich mir die Situationen genauer ansehe, um herauszufinden, ob und in welchem Maß Druck hier eine Daseinsberechtigung hat.
Meine Katze: Ja, sie ist todkrank. Ja, ich muss meinen ganzen Alltag um sie und ihren Medikamentenplan herum organisieren. Ja, sie wird daran sterben… früher oder später. Ändern kann ich das nicht… Lieber Druck, hier hast du nichts zu suchen.
Mein Job: In dem Fall hilft mir Ausnahmsweise mal der Blick auf die anderen, denn wenn ich meine Kollegen und Vorgesetzten frage, dann mache ich den Job super. Ja, super! Nur ich bin es, die Mängel sieht und denen Bedeutung einschenkt. Ja, es gibt noch vieles, das ich nicht weiß, aber ich mache diesen Job auch erst seit einem Jahr… und messe mich mit denen, die ihn seit 30 Jahren machen. Darf ich kurz lachen? Ja, für Lachen ist immer Zeit. Ja, ich mache Fehler, ja, ich bin nicht perfekt. Schockierend… Wie sagt mein Chef immer so schön: „Ist doch nicht schlihiimmm.“ Verrückt, der mag mich trotzdem noch. Mein Ehrgeiz, den Job gut machen zu wollen, ist nichts Schlechtes. Nur der Druck dahinter, den brauche ich nicht. Viel mehr brauche ich Neugier auf das, was ich nicht weiß und die liebevolle Bereitschaft, dazuzulernen.
Mein… Ich: Och menno… So viele „ich muss“ Situation fallen mir hierbei ein: Ich muss täglich meditieren, ich muss mehr joggen, ich muss mich gesund ernähren, ich muss dies, ich muss das. Ahja. Fakt ist, dass ich genau weiß, was mir gut tut und dass Druck mich an diesen Stellen nur dahinbringen will, dass es mir gut geht. Nur leider übertreibt er es mal wieder. Dennoch hat er Recht. Denn wenn ich mich nicht dazu antreibe, mich besser um mich zu kümmern, geht es mir am Ende auch nicht gut. Also ja, Druck hat hier seine Daseinsberechtigung. Nur das richtige Maß müssen wir noch finden.

Die Situation akzeptieren
Drei Situationen, in denen Druck sich breit macht. Teils hilfreich, teils nicht. Um mir das noch deutlicher vor Augen zu führen, will ich mich fragen, was passiert, wenn Druck nicht in diesen Situation ist.
Meine Katze: Verrückt… nichts wird sich ändern. Sie bleibt krank, sie wird weiterhin daran sterben, ob mit oder ohne Druck. Ich kann nicht mehr als das, was in meiner Macht steht tun. Ich kann ihr das Leben noch angenehm gestalten, kann es ihr ein wenig erleichtern, doch letzten Endes muss ich darauf hören, was sie mir sagt. Wenn es soweit ist, ist es soweit.
Meine Arbeit: Was würde passieren, wenn ich mich hier nicht unter Druck setzen würde? Hmmm… ich wäre weniger gereizt denen gegenüber, denen es egal zu sein scheint, wie gut sie ihren Job machen. Ich würde mich weniger hetzen, hätte mit etwas weniger Druck vielleicht auch wieder Spaß am Lernen. Und meine Kollegen? Tja, die mögen mich auch noch, wenn ich etwas nicht weiß oder kann. „Ist doch nicht schlihiimmm.“ Ich kann nicht alles auf einmal lernen und kann auch nicht immer alles im Griff haben. Ich bin nur ein Mensch. Ein Mensch, der noch lernen muss, dass Fehler machen nichts Schlimmes ist und dass Liebe nicht an Perfektion gebunden ist.
Mein Ich: Mich auf der Couch liegen und vor mich hinvegetiere lassen, keine Option. Vielleicht kann ich aber Druck liebevolle Fürsorge beibringen. Ich schaffe es nicht, ohne einen Antrieb mich ganz automatisch um mich zu kümmern und das zu tun, was mir gut tut. Ich brauche den Tritt in den Hintern… oder vielleicht doch ein liebevolles Mitziehen. Mir geht es nicht von alleine gut, ich muss aktiv etwas dafür tun. Hier werden Druck und ich auch weiter zusammenarbeiten, denn hier brauche ich ihn.

Loslassen
Ich kann meine Katze nicht retten.
Ich bin nicht perfekt.
Ich mache Fehler.
Ich habe einen inneren Schweinehund.
Ich bin faul.
Ich kann nicht alles unter Kontrolle behalten.
Ich kann nicht alles wissen.
Ich kann nicht alles können.
Ich werde trotzdem geliebt.
Ich kann meiner Katze nur helfen, in dem ich die Zeit mit ihr genieße.
Ich bin gut auf der Arbeit, wenn ich meine Neugierde und den Spaß behalte.
Ich brauche keinen Tritt in den Arsch, sondern liebevolle Selbstfürsorge.
Liebe… das ist der Schlüssel.
Aus Druck wird Liebe.



2 Gedanken zu “Urlaubsmeditation Tag 3: Druck raus lassen

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