„Warum erzählst du es denen nicht?“, fragte mich heute Morgen mein Arbeitskollege. Ich seufze und überlege, wie ich es ihm erklären kann. Wie ich ihm begreiflich machen kann, warum ich mich dafür entschieden habe, meiner Familie bestimmte Bereiche meines Lebens vorzuenthalten. In meinem Kopf leuchten Sätze wie plakative Schlagzeilen auf. Abwertend, belächelnd, verletzend. Sicher nie böse gemeint und dennoch… Noch immer schaut mich mein Kollege erwartungsvoll an. Eilig suche ich in meinem Kopf nach einer einfachen, kurzen und logischen Erklärung und stammle was von Druck rausnehmen. „Warum setzen die dich denn unter Druck?“, fragt er ehrlich interessiert nach. Ich suche weiter in meinem Kopf. Einfach. Kurz. Logisch. Doch Fehlanzeige. Es gibt diese einfache und befriedigende Antwort nicht. Das lässt sich nicht mit einem Satz beschreiben, auf den das Gegenüber dann mit Verständnis reagieren und das Thema dann abhaken kann. Die Sache ist komplizierter, tiefgehender. Doch wo soll ich anfangen? Vielleicht an dem Punkt, an dem ich bewusst beschlossen habe, meine Familie abzugrenzen. Nicht aus meinem Leben, aber aus bestimmten Bereichen. Und ja, diesen einen Moment der bewussten Entscheidung, den gab es:
Es ist nun etwas über ein Jahr her, als ich meine Ausbildung beendet habe. Nicht einfach so, sondern mit einer sehr guten Leistung, in verkürzter Zeit und mit mehreren Jobangeboten in der Tasche. Und? Und mir war es egal. Für mich zählte nur eines: Endlich raus aus diesem Betrieb, weg von der Frau, die mir zweieinhalb Jahre das Leben zur Hölle gemacht hat, bis ich depressiv, dauergereizt und mit einer chronischen Magenentzündung vorm Spiegel stand und mich selbst nicht mehr erkannte. Endlich, es war vorbei! Ich feierte und bejubelte meine Freiheit in einem tagelangen Hochrausch, bis ein Satz an meine Ohren drang: „Jetzt hast du gezeigt, dass du sowas auch kannst.“ Ich hielt inne. Bitte was? Was sollte das bedeuten? Dass ich was kann? Eine Ausbildung machen und durchziehen? Wut stieg in mir auf und die Erkenntnis, dass an mir gezweifelt wurde. Erstaunlicherweise war es diesmal nicht ich, die an mir gezweifelt hat, denn ich wusste längst, dass ich alles durchziehe, wenn ich ein Ziel vor Augen habe. Zielstrebig ist auch ein Wort, das Menschen nutzen um mich zu beschreiben. Woher kam also nun dieser Satz? Ahja… die liebe Familie. Doch die hatten noch mehr auf Lager, denn nun schwappte das völlige Unverständnis zu mir herüber, warum ich denn nicht in dem Betrieb bleibe. Sicherer Job, gutes Geld… Meine Wut ging ins bodenlose über. Verzweifelt kämpfte ich gegen die Tränen an. Hat denn hier niemand gesehen, was ich in der ganzen Zeit durchgemacht habe? Wie schlecht es mir ging?! Scheinbar nicht das, was zählt. Sicherheit und Geld, das zählt. Ja, in eurer Welt.
Mir fallen mehr Szenen ein, wie vor fünf Jahren, als ich erzählte, dass ich einen Mann kennengelernt habe. Die Reaktion war ein erleichterter Seufzer gefolgt von der Aussage: „Siehst du! Ich wusste es normalisiert sich alles!“ Normalisiert? Was heißt das denn nun schon wieder? Dass ich nicht normal bin? Warum? Weil ich keinen Partner habe? Auch hier frage ich mich wieder, ob niemand meine Angst vor Nähe und meine Unfähigkeit zu vertrauen gesehen hat. Nein, haben sie nicht. Wie auch, sie kennen mich zu lange. Meine kalten Mauern, die jeder sieht, der mir zu nah kommt und die Panik in meinen Augen, die sehen sie nicht. Ist auch zu kompliziert. „Nicht normal“, der Stempel ist viel unkomplizierter. Thema beendet.
Und heute? Heute schweige ich. Erzähle nicht mehr, was ich beruflich mache oder auch privat und erst recht nicht, was meine Pläne, Ziele und Träume sind. Ich schütze mich vor Erwartungen, die nur Druck mitbringen. Schütze mich vor Unverständnis, das mich als „nicht normal“ abstempelt und hüte mich vor hilflosen Sätzen, die mich immer und immer wieder tief verletzen. Viel zu viele Jahre habe ich für bare Münze genommen, was ihr sagt, erwartet und was ihr für „normal“ und richtig haltet. Viel zu lange habe ich mich deswegen falsch gefühlt und wertlos. Doch nun, habe ich zu mir gefunden und wisst ihr was? Ich bin gut so wie ich bin und ich will auch gar nicht anders sein. Ich bin nicht Bürojob, bin nicht dickes Konto, bin nicht Reihenhaus, Kinder und Mann. Ich bin Biene und das ist auch gut so.