Ich bin genug – im Alltag

Nach meinen morgendlichen Überlegungen zu dem Satz „Ich bin genug“, ist der Tag nun nüchterner. Weniger verschwommen und romantisch, wie die Morgendämmerung mit ihrer Stille und den sanften Farben. Jetzt, zur Mittagsstunde, ist das Leben voll da. Laut, hell und klar in seinen Konturen. Die Romantik verschwunden, nichts mehr beschönigt. Und nun? Nun folgt der nächste Schritt: Wie kann ich mein Gefühl der inneren Geborgenheit in den Alltag mit hinein nehmen? Wie kann ich es zu meinem täglichen Begleiter machen? Wie kann ich die Hoffnung nähren, dass mich Menschen und Situationen immer weniger in meiner inneren Ruhe stören und dass sie nicht mehr mein Ich bestimmen?
Was mir immer schon geholfen hat, sind Rituale und Meditation. Direkt habe ich auch schon zwei im Kopf. Eines für morgens und eines für abends.

Morgenritual

Das Gefühl der inneren Geborgenheit ist in mir. Der Ort, an dem mir niemand etwas kann, an dem ich ganz ich selbst sein kann, der, an dem ich genug bin, dieser Ort ist in mir. Grund genug, ihn fortan jeden Morgen zu besuchen und das Gefühl, dass er in mir auslöst, jeden Morgen heraufzubeschwören. Wie kann ich den Tag besser starten, als mit diesem herrlich warmen Gefühl? Ich überlege nun, wie genau ich dieses Ritual gestalten möchte. An und für sich habe ich bereits ein herrliches Morgenritual, welches mit einem warmen Gefühl im Bauch einhergeht: Mein Morgenkaffee. Ein besonderer Moment für mich, denn Kaffee hat für mich sehr viel mit Liebe zu tun. Es geht nicht darum, wach zu werden, sondern es geht um die Liebe, die ich dem Zubereiten und dem Genießen von Kaffee widme. Bei mir wird Kaffee nicht einfach zwischendurch getrunken, er wird zelebriert. Das ist doch eine wunderbare Gelegenheit, um sich morgens mit dem geliebten Kaffee einen gemütlichen Platz zu suchen und mich dort, samt der warmen, herrlich duftenden Tasse Kaffee, in meinen inneren Garten zurückzuziehen. Ja, so will ich es machen!

  1. Morgenkaffee zubereiten
  2. Bequemen Platz suchen
    Je nach Wetter und Gefühl, kann das für mich der Balkon, das Bett, die Couch, der Schreibtisch oder auch mein Meditationskissen sein. Dieser Ort kann also für jeden ein anderer sein. Wichtig ist jedoch, dass es ein geschützter und ruhiger Ort ist. Vielleicht fällt es Dir jedoch leichter, wenn Du Dir jeden Morgen den gleichen Rahmen für dieses Ritual steckst.
  3. Meinen inneren Garten vor meinem geistigen Auge aufbauen
    Ich habe so lange an meinem Garten gearbeitet, dass er für mich eine feste optische Struktur hat. Ich brauche nicht lange, dann sehe ich ihn schon vor mir. Wenn Du diesen eigenen Ort noch nicht hast, kannst Du Dir auch einen Ort vorstellen, an dem Du Dich einst geborgen fühltest und an dem Du Ruhe fandest. Das kann eine Situation im Morgengrauen an einem Bergsee gewesen sein oder die Aussicht während einer Wanderung. Stelle Dir die Situation und das Bild genau vor, mit all seinen Details und lasse es auf Dich wirken. Vielleicht spürst Du schon die Ruhe, die Dich in dieser Situation erfüllte.
  4. Mich in das Gefühl der inneren Geborgenheit und Ruhe fallen lassen
    Ich spüre Ruhe, Geborgenheit und Liebe in mir aufkommen. Öffne ich nun die Augen, kann ich auch die Welt mit diesen Empfindungen betrachten. Eingelullt in dieses Gefühl, genieße ich meinen Morgenkaffee.

Im Alltag

Mit diesem guten Gefühl kann ich also in den Tag starten und dem Alltag begegnen. Doch genau dort kommt es zur Herausforderung. Mir begegnen Menschen und ich erlebe Situationen, die dieses herrliche Gefühl in mir erschüttern. Oder sagen wir es anders: Ich lasse es zu, dass sie mich erschüttern. Was also tun? Ich stelle mir Situationen auf der Arbeit vor, wie ich gehetzt durch die Gänge renne. Was spüre ich? Stress, Druck, Ärger und den dringenden Wunsch nach Ruhe. Eigentlich bräuchte ich mal eine halbe Stunde für mich. Barfuß laufen, niemanden sehen und hören und mal ganz tief durchatmen. Die Chance, mich wieder mit mir selbst zu verbinden und den Blick wieder auf das Wesentliche zu rücken. Gut, eine halbe Stunde Mittagspause habe ich. Die könnte ich definitiv erholsamer gestalten. Da hab ich doch sofort mal bei Google Maps geschaut, ob ich vielleicht einen Spazierweg finde. Direkt um die Ecke ist ein Waldsee, den könnte ich mir mal anschauen. Gut, eine halbe Stunde ist nicht viel und ich muss in der Zeit auch noch was essen, aber auf dem Gelände finde ich nirgendwo die nötige Ruhe und den Abstand. Und sonst? Was mache ich in den Situationen, in denen ich aus der Ruhe komme? Sei es, weil ich mich gestresst fühle oder ärgerlich werde oder, weil ich wieder ängstlich versuche keinen Fehler zu machen? Auch hier hilft mir nur, aus der Situation raus und mal tief durchatmen.

  • kleine Auszeiten im Alltag schaffen
    z.B. die Mittagspause entspannter gestalten
  • kurz aus der Situation raus und dreimal tief durchatmen
    Vielleicht schaffe ich es sogar, mir zu vergegenwärtigen, dass auch diese Situation unwichtig ist und vielleicht kann ich mich dann an mein Gefühl vom Morgen erinnern.
  • in der Situation durchatmen

Auch fällt mir wieder ein, was ich zur achtsamen Kommunikation gelernt habe:

  • reagiere nie sofort
    Also einmal tief durchatmen oder kurz aus der Situation raus gehen.
  • nimm deine Emotionen wahr
    Was für ein Gefühl überwältigt mich gerade und warum? Das Verstehen hilft oft schon, um das Gefühl zu kontrollieren.
  • unterstelle deinem Gegenüber positive Absichten
    Schnell denken wir, dass unser Gegenüber uns etwas will, aber was, wenn wir ihm einfach genau das Gegenteil unterstellen?
  • erspüre deine Bedürfnisse und die deines Gegenübers
    Was brauche ich gerade? Was braucht mein Gegenüber? Reagiert er vielleicht nur so aufbrausend, weil er sich in seinem Ego angekratzt fühlt? Fühle ich mich vielleicht gerade auch einfach nur nicht wichtig genommen?
  • schaffe eine Wohlfühlatmosphäre
    Das kann ein kurzer Satz sein, der lächelnd (aber ehrlich) hervorgebracht wird: „Ich verstehe Dich und ich möchte, dass wir zusammen eine Lösung finden“. Auch eine zugewandte und offene Körpersprache ist wichtig.
  • handle in positiver Absicht
    Liebe, der Schlüssel zu einem liebevollen Umgang.

Okay, das lässt sich nicht mal eben in der Situation machen, dann würde mein Gegenüber mindestens 15 Minuten auf meine Reaktion warten. Aber achtsame Kommunikation ist etwas, das ich mir auch wieder anschaue möchte. Auch kann es mir helfen, Situationen im Nachhinein neu zu bewerten. Dabei kann mir auch mein Abendritual helfen…

Abendritual

Sicher wird es mir im Alltag nicht leicht fallen, mir das Gefühl zu erhalten. Das ist okay, es braucht Zeit. Doch abends möchte ich wieder mit diesem warmen Gefühl ins Bett gehen können und möchte Frieden schließen mit mir, mit den Menschen, die mir begegnet sind und den Situationen, die ich an diesem Tag erlebt habe. Wie kann das besser gehen, als mit einer Abendmeditation?

  1. Ich suche mir einen ruhigen Ort
    Bevor ich die Meditation starte, mache ich mich bettfertig, damit ich danach direkt mit dem warmen Gefühl unter meine Decke schlüpfen kann. Es sei denn, ich genieße den Sonnenuntergang auf der Halde, dann ist auch das für mich ein geeigneter Ort für mein Ritual.
  2. Ich schließe meine Augen und gleite gedanklich durch meinen Tag
    Wer oder was hat mich heute aus der Ruhe gebracht? Wann stiegen Groll oder Unruhe oder gar Selbsthass in mir auf? Ich betrachte mir diese Situationen genauer, diesmal mit Abstand, und versuche mit mehr Verständnis für mich und auch für mein Gegenüber auf die Situation zu blicken.
  3. Frieden schließen
    Mit Hilfe von Verständnis, Nachsicht und Liebe, will ich versuchen Frieden zu schließen. Ich nehme das Kind in mir, das durch diese Situation zu toben angefangen hat, in den Arm und tröste es. Voll der Gewissheit, dass das, was passiert ist, kaum wichtig genug war, um sich darüber aufzuregen. Denn jetzt bin ich hier und hier kann mir keiner was. Hier, ist alles in Ordnung.

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