Ich bin genug. Ein kurzer Satz. Ein Satz ohne Schnörkeleien, ohne Drumherum, ohne Ausschmückungen. Unaufgeregt strahlt er Gelassenheit und eine tiefe Überzeugung aus. Und doch… was bedeutet dieser Satz eigentlich für mich? „Ich“. Eigentlich würde dieses eine Wort schon fast ausreichen, doch wird es noch bestärkt durch „bin“. „Ich bin“. Allein diese zwei Worte lassen die Oberfläche des tiefen Sees in mir zur Ruhe kommen. „Ich bin“. Mehr braucht es nicht. Zwei Worte, die zusammen ein Leben erzählen, eine Welt erklären und alle Fragen beantworten. Kein tieferer Sinn, keine Vergangenheit, keine Zukunft, kein Richtig oder Falsch. Einfach nur sein. Ich schaue meine Katze an. Soeben hat sie es sich auf meinem Schoß bequem gemacht und schaut nun von da aus in den Morgenhimmel hinaus. Friedlich. Geborgen. Zufrieden. Einfach nur sein. Eigentlich beschreibt genau dieses Bild alles, was ich in diesem Satz „Ich bin genug“ sehe. Einfach nur sein und auch einfach nur sein dürfen und wollen und nichts müssen. Alles ist gut, wie es ist. Ich bin gut, wie ich bin. Ich spüre, wie sich der See in mir immer weiter beruhigt, seine Oberfläche fast schon spiegelglatt wird. Ich beuge mich vornüber und blicke auf seine glitzernde Oberfläche und sehe mich zufrieden lächeln. Ja, ich kann genug sein, kann es mir erlauben und es „aushalten“. Doch dann… Ich sehe Situationen vor meinem geistigen Auge, in denen ich diese Gewissheit in mir zu vergessen scheine. Situationen, in denen sich mein Blick nach außen richtet und ich meinen Fokus verliere. Situationen, die aus meinem friedlichen Bergsee eine stürmische See machen und dazu führen, dass ich plötzlich davon überzeugt bin, alles andere als genug zu sein. Der Satz kehrt sich ins Gegenteil. Aus genug wird schlecht. Ich bin nichts. Ich kann nichts. Und plötzlich ist da wieder ganz viel Müssen, ganz viel Bewertung und der Druck, auch der ist wieder da. Das ist doch verrückt… Bin nicht ich es, der mein See ganz alleine gehört? Doch wie kommt es dann, dass andere Menschen und erlebte Situationen so viel mehr Macht darüber haben? In letzter Zeit habe ich wieder zu oft gespürt, dass ich unsicher werde, versuche zu verstecken, wer ich bin, aus Angst, man könnte meine Fehler, meine Unperfektheit sehen und mich dann vollends abwerten. Unruhig, fahrig und verängstigt mit einem enormen Druck im Nacken, kann ich mich letzten Endes selbst nicht mehr leiden. Ein Teufelskreis. Doch wie kann ich mich davon befreien? Wie kann ich selbst Herr meiner Wasseroberfläche werden? Wieder… ein „Wieder“ will sich in meinen Satz einschleichen. „Wie kann ich selbst wieder…“. Die Stimme in meinem Kopf hat Recht. Inzwischen weiß ich, wie es sich anfühlt, Herr über seine eigene Gefühlswelt zu sein und die Außenstimmen nicht mehr für so wichtig zu nehmen. Ich spüre in mich hinein und suche nach diesem warmen Gefühl der Geborgenheit. Was für meine Katze mein Schoß, ist für mich eine innere Haltung. Meine sichere Zone, in der mir keiner etwas kann, in der ich mich völlig sicher und geborgen fühle. Wie sehr sehne ich mich nach genau diesem Gefühl zurück. Doch wie ich schon in meinem letzten Beitrag feststellte, fallen wir Menschen immer wieder in alte Muster zurück, wenn wir nicht achtgeben. Besonders in stressigen Phasen, greifen wir auf das zurück, über das wir nicht nachdenken müssen. Meine alten Muster, erlernt in meiner Kindheit, spulen sich von selbst ab. Mein erarbeitetes Gefühl innerer Geborgenheit jedoch, ist neu und noch lange nicht automatisiert. Es bedarf viel Arbeit und Pflege, um es zu erzeugen und zu halten. Leider ist aber genau das in den Zeiten, in denen ich es am meisten brauche, eine schwer stemmbare Herausforderung. Umso wichtiger ist es also, in guten Zeiten vorzusorgen und mir Strategien für die stressigen Zeiten zurecht zu legen. Oh man… wie oft habe ich das schon gesagt?! Es nutzt nichts, es bleibt viel Arbeit, wenn ich trotz meiner emotionalen Instabilität ein entspanntes Leben führen will. Aber weißt Du was? Das ist es allemal wert!
Nun gut, ich will mir noch einmal anschauen, warum ich das Thema „Ich bin genug“ gewählt habe und was ich mir davon erhoffe, mich damit zu beschäftigen.
Ich sehe die teuflische Spirale vor mir, die mich bis hin zum Selbsthass treibt. Es beginnt mit Unsicherheiten in sozialen Kontakten, vor allem bei der Arbeit. Plötzlich will ich wieder alles perfekt machen, will gefallen und stürze sofort in ein Loch, wenn etwas nicht funktioniert oder ich vermeintlich versagt habe. Ich beginne mich unter Druck zu setzen, was mich letzten Endes völlig aus der Ruhe bringt, mich stresst und eine solche Anspannung aufbaut, dass diese mich fest im Griff hält. Hinzu kommt die Angst, die mir im Nacken sitzt. Was, wenn mein Kollege oder noch schlimmer mein Chef sieht, dass ich nicht perfekt bin? Wenn ich einen Fehler mache? Derjenige wird mich für völlig inkompetent halten, sei es menschlich oder fachlich. Dann wird derjenige mich auch nicht mehr mögen. Wie könnte er auch? Ich bin ja schließlich ein schlechter Mensch und ich kann nichts. Ab da beginnt dann die selbsterfüllende Prophezeiung. Ich traue mir selbst nichts mehr zu, brauche ständig eine Absicherung, bis ich am Ende so gelähmt bin, dass ich gar nichts mehr machen möchte. Ich möchte den Menschen aus dem Weg gehen und ich möchte meine Arbeit nicht mehr machen. Kann ich ja alles sowieso nicht. Ich werde abhängig von der Bestätigung von außen, weil ich längst den objektiven Blick verloren habe. Bekomme ich diese Bestätigung jedoch nicht, falle ich in ein tiefes Loch aus Selbsthass.
Ich muss lachen. Das ist doch alles verrückt. Aber leider ist es auch genau so wahr. Da scheint mich plötzlich ein Licht am Ende des Tunnels an. Ja! Die oben beschriebene Spirale spult sich immer wieder bei mir ab, ABER: Sie ist längst kein Dauerzustand mehr. War ich früher kontinuierlich davon abhängig, dass mir die Außenwelt sagt wer ich bin, sind es heute nur noch Phasen. Waren meine Emotionen früher ausschließlich von außen abhängig, ist auch das heute nur noch phasenweise oder teils personenbezogen. Na das ist doch mal ein Hoffnungsschimmer. Es geht also auch anders!
Ich weiß seit meinem Retreat, dass ich durchaus dazu in der Lage bin, diese innere Geborgenheit heraufzubeschwören. Aber wie war das? Achja, ohne Übung kein Meister. Es wird also Zeit, meinen inneren Garten wieder öfter aufzusuchen, in mich hineinzuspüren und nach diesem ruhigen Ort zu suchen. Am besten geht das für mich, indem ich Zeit mit mir alleine verbringe und Außenreize abschalte. Ein Barfußspaziergang durch den Wald, Meditation, das Meer sehen, den Sonnenuntergang von unserer Halde aus betrachten… alles Situationen, in denen ich mir selbst und meiner Quelle der inneren Ruhe wieder nahe kommen. Die Sache hat nur einen Haken: Ich muss es halt auch machen. Und ja, auch in den stressigen Zeiten, auch wenn ich angespannt bin, auch wenn ich kaum geschlafen habe. Auch? Nein.. erst recht dann! Hmmmh… ja Mama, ich weiß Mama… jaja. Schön, wenn man es zwar besser weiß, aber nicht besser macht. Gut, ich will nicht zu hart mit mir sein. Es ist nicht leicht. Sich neue Verhaltensmuster anzutrainieren bedarf langer Übung.
Also weiter… immer weiter…