Die Angst Ich selbst zu sein

Es ist verhext! In meinem Leben habe ich immer wieder tolle Angebote bekommen, sowohl beruflich, als auch privat. Angebote, die mich weitergebracht hätten, die mich teilweise sogar meinen Träumen näher gebracht hätten. Hätten… ja, das hast Du richtig gelesen, sie hätten. Warum sie es nicht getan haben? Na weil sie dafür erst an mir vorbei müssten und das ist nun mal leider fast unmöglich. Doch warum ist das so? Warum schlage ich ständig Angebote aus, verweigere das Verlassen meines eingetrampelten Pfades? Was zur Hölle macht mir nur solche Angst, dass ich lieber verbittert hier stehenbleibe, anstatt mir einen neuen Weg zu bahnen? Ich muss nicht überlegen, denn ich weiß es längst. Ich kenne meine Ängste: Versagensängste, denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das, was mein Gegenüber, also derjenige mit dem tollen Angebot, in mir sieht, nicht existiert. Ich halte mich für eine Schauspielerin, oft sogar für eine gute. Nein, ich strebe keine Karriere beim Fernsehen an. Ich spiele eine Rolle in meinem Leben. Diese Rolle dient mir als Tarnung, denn sie soll verstecken, wer ich wirklich bin. Ich, mein raues, unverschöntes Ich. Denn das, was unter der Fassade liegt, das wird nie jemand mögen können, das wird auch nie jemanden überzeugen können. Würde ich also einem dieser Angebote nachgehen, dann würden die Menschen dort bald merken, dass ich nicht so toll bin, wie sie meinen. Die ständige Angst aufzufliegen würde mich panisch werden lassen, mich unter Druck setzen und irgendwann würde mein Kartenhaus zusammenbrechen. Sie würden sehen, dass ich ein furchtbarer Mensch bin und dass ich heillos überfordert bin mit den Aufgaben, die mir anvertraut wurden. Nicht fähig, diese auszuführen, nicht fähig im sozialen Umgang, nicht fähig zu bestehen… worin auch immer… nicht fähig.

Das bin ich. Oder? Mein Verstand schaltet sich ein, streicht dem verängstigten, unsicheren Kind in mir über den Kopf und sagt: „Das bist nicht Du, das ist nur Dein verzerrtes Spiegelbild.“ Ich weiß, dass mein Verstand Recht hat, aber… die Glaubenssätze sitzen tief. Ich genüge nicht. Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Ich kann nichts. Ich bin hässlich. Ich bin dumm. Ich bin unfähig. Von all diesen Sätzen bin ich überzeugt. All das halte ich für mein wahres Ich. Jeder, der glaubt, ich würde das Gegenteil von mir denken, der hat nur mein Schutzschild gesehen, dass ich krampfhaft versuche aufrecht zu halten und zu verteidigen, damit niemand das hässliche, dumme Entlein dahinter sieht. Ja, nach außen kann ich selbstbewusst und überzeugt von mir wirken, doch das ist nur ein Bild, das ich auf meine Mauer gemalt habe. Ein Bild, das mir oft genug zum Verhängnis wird. Viele glauben, was sie da sehen. Sie glauben, ich würde mich für ach so toll halten und in manchen weckt das den Wunsch, mich zum Fallen zu bringen. Mir zeigen zu wollen, dass ich längst nicht so toll bin, wie ich denke. Was das bedeutet? Sie kennen mich nie wirklich. Das schafft Distanz und das macht einsam, hinter der Mauer. Die ständigen Bemühungen, Menschen von meinem hässlichen Ich fernzuhalten, machen einsam. Ich drehe mich im Kreis…

Zurück zu den Angeboten: Da ist gerade wieder eins. Etwas Tolles! Eigentlich… wären da nicht meine Ängste, zu versagen. Was leider zwangsläufig passieren wird, denn meine Unsicherheit stellt mir ein Bein und dann haben wir die viel zitierte selbsterfüllende Prophezeiung. Ich falle, was mich dann natürlich wieder in meinen Befürchtungen bestätigt und mich dazu bringt, mich wieder mehr hinter meine Mauer zurück zu ziehen. Ein Teufelskreis. Ein verdammter, verfluchter Teufelskreis! Doch was kann ich dagegen machen? Ich will mich nicht mehr hinter dieser Mauer verstecken! Ich will leben! Ich will raus in die Welt und mich zeigen! Ich will frei von diesen Ängsten und Unsicherheiten sein, denn ich weiß, dass die es sind, die mich fallen lassen und nicht meine Unfähigkeit. Ich bin fähig! Ich muss es nur selbst glauben… Wie gern würde ich außerhalb meiner Mauern umherschweifen, meine Kampfrüstung ablegen und ich selbst sein… Ich wäre endlich gelassenere, ruhiger, nicht ständig auf der Hut. Ich könnte Nähe zulassen und Liebe schenken. Könnte neue Wege gehen ohne Angst zu haben, dass ich stolpere. Ich könnte Menschen in mein Leben lassen, ohne dass ich befürchten muss, dass sie mich nicht mehr mögen, wenn sie mich erst richtig kennenlernen, denn sie würden mich sofort sehen, wie ich bin.
Hätte ich einen Wunsch frei, dann würde ich meine dicken, kalten Mauern verschwinden lassen, sie gegen einen Gartenzaun eintauschen und endlich der Mensch werden, der ich in meinem tiefen Inneren längst bin.

3 Gedanken zu “Die Angst Ich selbst zu sein

  1. Hallo Sabine,

    ich kann dich da gut verstehen. Mir geht es ein Stück weit ähnlich wie dir, wobei ich in den letzten Monaten wirklich einen großen Schritt nach vorne gemacht habe, was mein Berufsleben angeht. Das war aber nicht immer so. Ich habe mich jahrelang versteckt und Entschuldigungen vorgeschoben, warum ich etwas nicht tun kann (obwohl ich es tief in mir drin eigentlich wollte).

    Ich mache gerade die ersten kleinen Schritte in Richtung Selbstständigkeit und glaube mir, ich bin mindestens einmal am Tag an dem Punkt, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich tue und dass ich doch eigentlich viel zu unqualifiziert bin und psychisch zu labil. Spiele ich nicht allen etwas vor? Bin ich nicht eigentlich eine Versagerin, die sich besser den ganzen Tag im Bett verstecken sollte, weil sie sowieso alles falsch macht?

    Du siehst: Auch wenn unsere Situationen nicht dieselben sind (denn jeder Mensch und jedes Leben ist einzigartig), leiden wir unter einem ähnlichen Problem. Der Angst. Furchtbarer, panischer Angst. Angst, die uns betäubt, fesselt und den Schlüssel zum Verlies aus dem Fenster wirft. Um es mal in einem Bild zu sagen. 🙂

    Aber das heißt nicht, dass wir es nicht schaffen können, diese Angst zu überwinden. Vielleicht nicht alles auf einmal und nicht sofort. Aber Stück für Stück. Schritt für Schritt. Kleinen Erfolg für kleinen Erfolg.

    Ich glaub an dich! ❤

    Liebe Grüße
    Myna

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    • Liebe Myna,

      vielen Dank für Deine lieben Worte! Ich freue mich zu hören, dass Du Dich dieser Angst stellst und Dich dennoch hinaus in die Welt wagst. Der Schritt in die Selbstständigkeit ist ein großer, da braucht man schon Selbstvertrauen. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du den Weg Schritt für Schritt weiter gehst und Dich nicht von Stürmen oder Steinen auf dem Weg zum Umkehren verleiten lässt.

      Ich scheitere momentan schon daran, in meinem Verhalten ich selbst zu sein. Sowohl privat als auch auf der Arbeit habe ich eine Mauer hochgefahren, die (nicht immer freundlich) meine Mitmenschen am Näherkommen hindert. Dabei nehme ich mir jeden Tag wieder vor, diese Mauer abzubauen, liebevoll mit meinen Mitmenschen umzugehen, anstatt mit Zynismus und anderen Abwehrmethoden um mich zu werfen. Seit Wochen komme ich jedoch damit keinen Schritt voran, das ist sehr frustrierend. Doch ich werde weiter nach einem Weg suchen, auch nach außen mehr Ich sein zu können, denn mich quält die Gefangenschaft hinter Mauer momentan wieder sehr.

      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem Vorhaben und hoffe, bei Zeiten von Deinen weiteren Schritten zu hören.

      Liebe Grüße
      Biene

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      • Hallo nochmal, liebe Biene!

        Danke, das ist sehr lieb von dir. Na ja, zunächst soll die Selbstständigkeit ja nur nebenher laufen. Quasi als kleiner Hinzuverdienst. Aber vielleicht kann ich das ja irgendwann mal hauptberuflich machen, das wäre mein Traum. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg und ich weiß nicht, ob ich dem Druck gewachsen bin.

        Verstehe, das mit der Mauer bringt sicher einen enormen Leidensdruck mit sich. Und dass es überhaupt nicht vorwärtsgeht, lässt einen verzweifeln. Das ist absolut verständlich. Trotzdem wünsche ich dir ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen. Und eine zündende Idee, wie es dir leichter fallen könnte, deine Mauer einzureißen und Menschen wieder an dich heranzulassen. Ich kann mir vorstellen, inmitten deiner Mauern ist es sehr einsam, oder?

        Liebe Grüße
        Myna

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